Interview 30 Jahre Kindergarten Schatzkiste

Anita Behrensmeyer, 63 Jahre

Frage: 30 Jahre Kindergarten Schatzkiste mit Erzieherin Anita Behrensmeyer – so lange halten Beziehungen selten. Was ist das Besondere an Ihrer „Beziehung“?

Ich liebe es seit meiner Jugend, mit Kindern zu arbeiten und sie in ihrem Entwicklungsprozess begleiten zu dürfen. In meiner Ausbildungszeit habe ich mir sehr oft Kinder für das Wochenende aus dem damals für mich zuständigen Kinderheim nach Hause geholt, um sie zu betreuen. Ich hatte das Glück, mit dem ersten Vorstand der Schatzkiste die Gründung des Elternvereins hautnah mitzuerleben.
Durch die Nähe meiner Wohnung zum Kindergarten erlebte ich auch den Bau der Schatzkiste vom ersten Spatenstich an mit. Der Kindergarten ist sozusagen mein „zweites Zuhause“ geworden. Man müsste die Stunden, die ich in der Schatzkiste verbracht habe, mal zusammenzählen.

Für mich persönlich besitzt auch die seit der Gründung des Elternvereins wesentliche ökumenische Ausrichtung der religionspädagogischen Arbeit in unserem Kindergarten eine entscheidende Bedeutung. Damit ist bei der hiesigen konfessionellen Prägung eines Großteils der Bevölkerung ein Stück Profil der Schatzkiste garantiert.


Frage: Können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag erinnern?

Am 7. Januar 1991 öffnete der Kindergartenbetrieb mit 20 Kindern und 3 Erzieherinnen seine Pforten. Die Eröffnung wurde mit Vertretern der Stadt Lennestadt, des Kreises Olpe, der beiden christlichen Kirchengemeinden, den Kindern, Eltern und geladenen Gästen gefeiert. Die Gründung des Elternvereins als Träger des Kindergartens war ein viel beachteter und bis dahin ungewohnter Baustein im öffentlichen Leben der Lennestadt.
Das Kindergartenpersonal traf sich einige Wochen vor der Eröffnung, um den Neuanfang vorzubereiten. Dazu musste das Mobiliar ausgepackt und aufgebaut und die Räume gestaltet werden. Ich erinnere mich noch sehr genau an die 20 selbst gebastelten Schneemänner als Einladungskarten, mit denen die Kinder zu ihrem ersten Kindergartentag eingeladen wurden.
Wir begannen mit der Arbeit des Kindergartens in Räumlichkeiten der St.-Agatha Grundschule. Der damit verbundene Kontakt und die Begegnungen mit der Schulleitung, dem Kollegium und dem Hausmeister der Grundschule waren von Anfang an sehr belebend und unterstützend.


Frage: Wie waren die Anfänge der Schatzkiste – Planung, Bau, Team in den ersten Jahren?

Der Marienkindergarten war überlastet. Besorgte Eltern trafen sich deshalb im Pfarrzentrum und gründeten den Elternverein. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Karl-Joseph Baumhoff, Maria Trapp, Friedericke Spangenberg-Hensel, Martina Bassenhoff, Jochen Dolle. Jürgen Struwe und Jürgen Beckmann übernahmen die Geschäftsführung des Elternvereins. Der Träger galt als „ganz armer Träger“, deshalb hatte er die volle Finanzierung durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Die Stadt Lennestadt gab die Bestandsgarantie. Nach Verhandlungen mit Franz Rotter wurden die Räumlichkeiten in der Grundschule hergerichtet und feierlich eingeweiht. Die erste Leitung hatte Barbara Büdenbender inne, als Ergänzungskräfte wurden Gisela Krist und ich eingestellt.
Kurze Zeit später wurde ein altersgerechter Spielplatz hinter der Grundschule gebaut.
Von Beginn an waren sich die Verantwortungsträger einig, dass ein eigenständiges Gebäude für den Kindergarten sobald wie möglich errichtet werden muss.


Frage: Wie war Ihr persönlicher Werdegang in der Schatzkiste?

Als Mutter zweier Kinder wurde ich von Jürgen Beckmann, dem damaligen ersten Vorsitzenden des Elternvereins gefragt, ob ich Interesse an einem Wiedereinstieg in meinen erlernten Beruf wünsche. Meine älteste Tochter wurde eingeschult, meinen vierjährigen Sohn konnte ich in die Einrichtung mitnehmen.
Nach acht Jahren Beschäftigung in Teilzeit wurde 1994 mein drittes Kind geboren. Nachdem die Elternzeit von drei Jahren vorüber war, begann ich wieder als Erzieherin in der Schatzkiste zu arbeiten, jetzt als Gruppenleiterin in Vollzeit. Aus privaten Gründen reduzierte ich meine Stundenanzahl wieder. Ich arbeitete in den verschiedenen Gruppen der Schatzkiste, für kurze Zeit auch als Fachkraft in der Sprachförderung.
Die letzten fast 11 Jahre durfte ich dann in der U3-Arbeit (Krippengruppe) meinen Dienst tun.
Die mögliche Flexibilität in der Stundenreduzierung und –aufstockung machte die Arbeit in der Schatzkiste sehr angenehm. Ebenso erlebte ich die kontinuierliche Möglichkeit zur Fortbildung als große Bereicherung.


Frage: 30 Jahre Erzieherin – wie hat sich Ihr Beruf verändert?

Zu Beginn meines Berufslebens hatte ich als Gruppenleitung in einem Kindergarten im Ruhrgebiet die besondere Aufgabe, die Integration von Kindern aus anderen Kulturkreisen zu ermöglichen. 25 Kinder hatte ich vollständig alleine zu betreuen. 10 Kinder davon kamen aus türkischen Familien, die Eltern konnten sich nicht in deutscher Sprache verständigen. Die Einrichtung schaffte es dann, einen Dolmetscher für Kooperation mit diesen Familien einzustellen. Das war damals ein riesiger Fortschritt.
Für die gesamte Einrichtung stand EINE Jahrespraktikantin als Zusatzkraft zur Verfügung.
In der Gruppenarbeit mussten die verschiedenen Arbeitsfelder zeitgleich bedient werden. In der Gruppe musste ich vom Schreibtisch aus die Kinder anleiten, im Blick behalten, Elternbriefe formulieren, die Gruppenkasse verwalten, das Gruppenbuch führen und natürlich für die Kinder Zeit haben, ansprechbar sein und ihnen Zuwendung schenken.
Das Spielen an den Kindertischen galt als Vorbereitung für die Schulzeit.
Ihren Bewegungsdrang konnten die Kinder nur im Außengelände oder in einem als Turnraum zur Verfügung gestellten Zimmer ausleben.


Frage: Wie hat sich das Arbeiten in der Schatzkiste verändert?

Das Berufsbild der ErzieherIn hat sich bis heute stark verändert. Die Konzeption der Einrichtung wird ständig überarbeitet und angepasst. Das Wohl des einzelnen Kindes, die religiöse Prägung, der Umgang mit der Natur und die Vorschularbeit standen vor einigen Jahren im Zentrum der Arbeit. Heute legt die Bildungspolitik eine immer wieder auch wechselnde Messlatte an. Die Fachkräfte sind damit herausgefordert, mit viel Kreativität und Kompetenz diesem Auftrag jeweils gerecht zu werden. Die Schwerpunkte der Arbeit heute lauten: Kinder in Bewegung, mobilo, teiloffener Kindergarten, Aktionen im Vorschulprogramm, Waldwochen, Verkehrserziehung, jolinchen, Selbstverteidigungskurs, kleine Forscher, usw…
Eine besondere Herausforderung stellen die immer höher werdenden Sicherheitsstandards dar. Dadurch entstehen oft künstliche Szenarien. Manches phantasievolle Spiel der Kinder im Außenbereich wird untersagt, weil die Verletzungsgefahr als zu groß gesehen wird und der Versicherungsschutz nur bedingt greifen könnte. Natürliche Lernprozesse kommen dadurch zu kurz.
Sehr bewegend war für mich die Zeit, als zunehmend die Gruppenräume von Tischen und Stühlen befreit wurden, damit die Kinder durch viel Bewegung näher dem Ziel ihrer ganzheitlichen Entwicklung kommen. Einige Jahre später entdeckten die Fachleute wieder, dass auch Ruhephasen und konzentriertes Arbeiten auf Stühlen und an Tischen lernfördernd wirken.
Die langjährige Spracherziehung mit den „Delfin-Testungen“ erinnert mich an Experimente im Labor, die ausprobiert und dann wieder eingestellt werden.
Aktuell sehe ich es als eine der größten Herausforderungen, die Entwicklung der Kinder so detailliert und umfangreich dokumentieren zu müssen, dass die Eltern anhand dieser Aufzeichnungen die Entwicklungsschritte ihrer Kinder in Einzelheiten nachvollziehen können. Als Beispiel nenne ich: basic U3, kiphard / Sinnhuber, Gabip, Bildungsdokumentationen.


Frage: Was ist das Besondere an der Schatzkiste?

In der Schatzkiste arbeitet ein großes Team. 20 pädagogische Mitarbeiterinnen, der Vorstand des Elternvereins und die Einrichtungsleitung verantworten miteinander die Arbeit. Dazu kommen zwei Mitarbeiterinnen in der Küche, zwei Raumpflegerinnen, eine Verwaltungskraft und ein Hausmeister. Das pädagogische Personal fördert neben der alltäglichen Arbeit auch mit Groß- und Kleinteamgruppen die Entwicklung der anvertrauten Kinder. Bei Bedarf werden externe Fachkräfte zur Fallberatung hinzugezogen. Das gesamte Team wurde bereits mehrmals durch ein coaching begleitet. Das besondere Profil der Arbeit in der Schatzkiste zeigt sich in der bewussten Wahrnehmung und Unterstützung der emotionalen Intelligenz bei den Kindern. Dazu gehören auch regelmäßige Elterngesprächen und die Offenheit für spontan geäußerte Wünsche der Eltern. Das Wichtigste aber ist ein hohes Maß an „Nestwärme“ für die Kinder. Regeln sind gut und wichtig – aber liebevolle Zuwendung ist unser Aushängeschild. Beziehung ist Erziehung!
In den vielen Jahren meiner Arbeit habe ich eine gute Kooperation mit sehr unterschiedlich zusammengesetzten Vorständen des Elternvereins erlebt. Die aktuell im Vorstand engagierten Personen zeigen eine besondere Verbundenheit mit der Arbeit in der Schatzkiste. Die Erzieherinnen finden immer ein offenes Ohr für ihre Anliegen. Zusätzliche Gelder werden durch die Beteiligung an Projekten und Wettbewerben zur Verfügung gestellt. Die Interessen der Mitarbeiterinnen werden gerne durch die Ermöglichung der Teilnahme an unterschiedlichen Fortbildungen verstärkt.


Frage: Was wünschen Sie der Schatzkiste zum 30. Geburtstag und sich selbst zum wohlverdienten Ruhestand?

„Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: Kinder, die Natur mit allen Lebewesen und die Sterne am Himmel.“
Was gibt es Schöneres, als fröhliche, lernfreudige kleine Menschenkinder, die wir für eine bestimmte Zeit auf ihrem Lebensweg begleiten dürfen, um sie auf ihr Leben, das zum größten Teil noch vor ihnen liegt, vorbereiten zu dürfen?

Auch unser Team hat in den drei Jahrzehnten so viele Sternstunden miteinander erlebt. Ich denke an manche Abschlussfeier mit Eltern und Vorschulkindern, Sommer- und Herbstfeste, Gottesdienste, Wallfahrten und Einkehrtage. Ich denke auch an Teamfeiern, Wanderungen und hervorragend organisierte Betriebsfeiern. Die positiven Erfahrungen lassen sich gar nicht alle aufzählen. Das gelingende Miteinander in einem großen Team setzt noch mehr Potenzial an Kreativität frei.
Ich trauere nicht der Zeit hinterher, in der die Schatzkiste eine überschaubare Einrichtung mit nur zwei Gruppen war.

Der Kindergarten Schatzkiste ist in den vielen Jahren zu meinem Zuhause geworden. Ich wünsche der Schatzkiste etwas weniger Verwaltungsaufwand und dafür noch mehr Zeit für jedes einzelne Kind und die Pflege des Teams zur Verfügung zu haben.

Ich gehe mit einem weinenden und einem lachenden Auge in den Ruhestand. Das fröhliche Miteinander mit meinen Kolleginnen, der Austausch über Erlebnisse und vor allem die Begegnungen mit den Kindern und Eltern werden mir sehr fehlen.
Ich freue mich auf viel selbstbestimmte Zeit, in der ich meine Hobbys und Interessen verwirklichen kann. Das Reisen, die Kultur, das Lesen und die Pflege meines Gartens werden nicht zu kurz kommen. Mein Mann, meine drei erwachsenen Kinder und mein zweijähriges Enkelkind Hannah werden mich mehr genießen können.

 

Wir als Vorstand des Elternvereins Altenhundem e.V. bedanken uns für die kreative und wertschätzende Zusammenarbeit und wünschen Anita alles Liebe und Gute, vor allem viel Gesundheit und eine wunderschöne und spannende Zeit auch ohne den geliebten Kindergartenalltag. Wir freuen uns auf viele Besuche - sei es zu Festen, zu besonderen Aktionen oder vielleicht sogar im Rahmen regelmäßiger Angebote.

 

Quelle: LokalPlus